New York // Essay // Blonde Magazine 6/15

30 Tage New York, unzählige Geschichten, eine Liebe. Ein Intro von Anna Baur.

Meine Affäre mit NY begann im Juni 2001. Nur sechs Tage waren nötig, um zu realisieren, dass ich aus dieser Geschichte nicht mehr unbeschadet herauskommen würde. Es war Liebe auf den ersten Blick. Oberflächlich, irrational und bedingungslos. Die Brownstone-Häuser in der Bleecker Street, die weißen, verschnörkelten Brücken im Central Park, die imposanten Häuserschluchten: Die Szenerie war mir bekannt. Aus unzähligen Filmen. Nur dieses Mal war ich die Hauptdarstellerin, die verträumt durch die Kulissen wandelte. Eine surreale Erfahrung, die mich anfangs zu sehr blendete, um mir über die Optik hinaus ein Bild von der Stadt zu verschaffen. Bei jeder weiteren Begegnung wurde New York realer. Die unzähligen Millionäre, die hier wohnen, haben es glücklicherweise noch nicht geschafft, New York in Singapur zu verwandeln. Die Fassaden blättern ab, die Straßen werden provisorisch geflickt, die Ratten rennen dir in der Dämmerung über die Füße: Der „Old Dirty Bastard“ quetscht sich in jede Lücke, die er finden kann, und der rohe Charakter der Stadt bleibt Status quo. Das Stadtbild beeindruckt, aber nicht weniger wichtig und liebenswert an NY sind die Menschen, die dort leben und die Energie der Stadt mitbestimmen. Die Menschenmassen werden zu Individuen. Ob jung oder alt, reich oder arm, schwarz oder weiß, leise oder laut, jeder hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Es geht nicht darum, sich anzupassen, sondern darum, durch seine Besonderheit hervorzustechen. Charakterkopf lebt neben Charakterkopf. Ich war ein Teil davon. Ich war frei. Ich habe auf offener Straße lauthals gesungen, ohne verurteilende Blicke zu bekommen. Ich habe meine Abende auf Rooftops in Brooklyn verbracht. Ich habe mich von Zwei-Dollar-Pizza-Slices ernährt. Ich wurde von den Leuten in meiner Hood jeden Tag freundlich begrüßt. Ich war nur einen kurzen U-Bahn-Ritt von den unterschiedlichsten Kulturen entfernt. Ich bin durch Bed-Stuy flaniert und habe aus jeder Ecke den geschmeidigsten HipHop gehört. Ich habe in der Kent Avenue den Sonnenuntergang über dem East River genossen und dabei die orthodoxen Juden beim Picknick beobachtet. Ich bin in Chinatown in die unterschiedlichsten Gerüche eingetaucht. Ich habe die Vielfalt erlebt. Ich war süchtig. Ich musste zurück. Wieder und wieder. Und mit jedem Mal wurde es schwieriger zu gehen. Ich entschied mich, die Affäre zu vertiefen, und blieb einen Monat. NY wurde noch realer. Ich wurde beinahe festgenommen, weil ich mich nachts auf einem Spielplatz in Bed-Stuy aufhielt. Die orthodoxen Juden waren nicht sehr offen für Unterhaltungen. Die U-Bahn-Stationen waren erhitzt auf gefühlte 50 Grad Celsius, die Züge blieben ohne Vorwarnung gerne mal 30 Minuten im Tunnel stehen. Die Menschen haben das Ghosting für sich perfektioniert und ich musste mich zwangsweise nur noch von Zwei-Dollar-Pizza-Slices ernähren, weil alles andere zu teuer war. NY ist aufregend, inspirierend und charmant, im Alltag aber auch kräftezehrend, laut und launisch. NY hat Macken, aber keine, die meine Liebe zu ihr zerstören könnte. Die Stadt fordert mich, bringt mich zum Nullpunkt, um dann das Beste aus mir herauszuholen. Der Kampf gibt dir das Gefühl, lebendig zu sein. Man lernt und erfindet sich neu. NY ist und bleibt eine Affäre, die nie langweilig wird. Always and forever.

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