Tunis // Reportage // Blonde Magazine 4/16

Blonde Magazine 4/16 // F/ Joanna Legid // Text/ Anna Baur

Tunesien. Das frühere Traumziel vieler Pauschalurlauber ist schwer gezeichnet von Revolution und Anschlägen. Die jungen Kreativen des Landes sehen den Nullpunkt als Chance, für eine neue, moderne Identität und Außenwirkung zu kämpfen, die mehr zu bieten haben soll als Clubhotels und Cocktailschrirmchen. Kein leichter Weg.

Die Touristentrauben quetschen sich durch die engen und steilen Gassen der Medina von Tunis. Mini-Shops liegen dicht beieinander. Der Duft von Safran, türkischem Honig und frischem Minztee vermischt sich mit dem Gestank von schweißtriefenden Menschenmassen und dem Kot umherstreunender Katzen. Händler überschlagen sich mit Angeboten und enthusiastischem Gestikulieren. Eine orientalische Version der Winkelgasse aus Harry Potter. Der Souk lebt.

Der Souk lebte. Dieses Szenario ist Geschichte. Geht man heute durch die Märkte der Hauptstadt von Tunesien, überwiegt der Katzenkot gegenüber Menschenschweiß. Die Ware ist da, ja, aber niemand, der sie kauft. Die früher so leidenschaftlichen Händler sehen nicht mal mehr auf, wenn Kunden vorbeigehen. Es ist jetzt das sechste Jahr nach der Revolution. Und immer noch: keine Reisebusse, kein Geldregen, keine Zukunftsmusik. Die Pauschalurlauber tragen ihre Fischerhüte und Trekking-Sandalen lieber wieder im altbewährten Mallorca zur Schau. Das All-inclusive-Paket soll schließlich die Spaghetti Bolo, das Feierabendbier und auf keinen Fall unvorhersehbare Überraschungen beinhalten.

Beim Entlangschlendern über Tunis’ Paradestraße Avenue Habib Bourguiba in Richtung Place de I’Indépendance hat man ständig das Gefühl, es werde gleich demonstriert, es finde ein Festival statt oder Obama komme zu Besuch. Immer ist irgendein Teil der Straße abgesperrt oder eine Hundertschaft Polizisten erschwert das Vorankommen. In den großen Hotels wird man nicht vom Concierge, sondern vom Sicherheitsdienst begrüßt. Kein Wunder. Der Diktator Ben Ali ist zwar weg – toll! – und in Tunesien herrscht jetzt Demokratie – toll! –, aber seit den Unruhen während der Revolution und den beiden Anschlägen im letzten Jahr bleiben die Urlauber weg. Fürein Land, dessen wirtschaftliche Basis der Tourismus ist, nicht so toll. Der Jubel über die neu gewonnene Freiheit ist vielen Tunesiern im Halse stecken geblieben. Existenzängste und Fluchtgedanken machen sich breit. Bei vielen, aber nicht bei allen.

Sofiane Ben Chabaane ist einer der Kreativen Tunesiens. Er ist der Meinung, dass dieser Nullpunkt die Chance sei, um die Identität des Landes neu zu definieren. Sofiane ist in Tunis aufgewachsen und im Alter von 18 Jahren nach Paris

ausgewandert. Er hat dort studiert und danach zehn Jahre lang in einer Werbeagentur gearbeitet. Nach der Revolution ist er mit seiner französischen Frau Claire und seinen Kindern zurück nach Tunis gezogen, um dort das Label Lyoum zu gründen. Sofiane besitzt einen Shop in La Marsa, einem noblen Vorort von Tunis. Das Interieur ist gut sortiert, fast schon minimalistisch, sehr gegensätzlich zum Souk der Medina. Und auch die Kleider kommen ganz ohne Glitzer und Tüll aus. „Ich hatte schon vor der Revolution die Idee, irgendwann zurückzukommen, um dieses Label zu gründen“, sagt Sofiane. Tunesische Mode sei sehr haute couture. Es gäbe kein Label, das Casual-Kleidung in Premiumqualität anböte.

2010/11 ist dann in Tunesien das passiert, was für die Menschen dort etwa so überraschend, hoffnungsvoll und toll zugleich war wie in Deutschland der Mauerfall. Das Volk hat sich gegen die bestehenden Verhältnisse aufgelehnt, die Diktatur wurde durch eine Demokratie ersetzt. „Als ich in Paris davon gehört habe, hat es mich wie einen Schlag getroffen. Wenn du es von außen betrachtest, siehst du das ganze Bild. Ich konnte spüren, dass sich etwas verändern wird. Es gab diese Energie, diese Kreativität unter den jungen Leuten und sie war kurz vorm Explodieren. Und wir wollten so gerne ein Teil davon sein. Von Anfang an. Also entschieden wir uns: Jetzt ist die richtige Zeit für den Launch von Lyoum. Wir wollten eine Marke gründen, die das Tunesien, an das wir glauben, repräsentiert“, erzählt er.

Mit dem Gefühl, eine neue, moderne Identität für Tunesien schaffen zu wollen, ist Sofiane nicht allein. Die junge Medizinerin Fethia Sabrina Farhani zeigt in ihrem Blog vitalunaspirit.com, wie sich die kreative Szene kleidet, wie sie lebt, wo sie isst und wie sie feiert. Seyf Dean, Absolvent der ESMOD Tunesien, hat ein Modemagazin („FFDesigner“) gegründet, das fast ausschließlich tunesische Labels zeigt. Im angesagten Café „Carpe Diem“ in Tunis trifft sich monatlich die neue Gründerszene. Es werden Creative Spaces eröffnet. Sie wollen nicht nur die Wirtschaft im Lande ankurbeln, sondern auch ihre Außenwirkung um 180 Grad drehen. Sie möchten sich gemeinsam für ein Tunesien einsetzen, das mehr zu bieten haben soll als Palmen, Strand und Kamele.

Die Aufbruchstimmung ist auch bei einem kurzen Ausflug zur kleinen Insel Djerba an der Ostküste Tunesiens zu spüren. Ganz besonders in der kleinen Stadt Erriadh, die in dieser wüstenartigen Umgebung, der grellen Sonne und ohne Pauschaltouristen wirkt wie eine Geisterstadt im Wilden Westen. Es fehlt nur noch das Tumbleweed, das sphärisch vorbei rollt. Wir entdecken in der traumartigen Szenerie zwischen den kleinen Gassen und Menzelhöfen in Weiß-Blau eines der größten Open-Air-Street-Art-Museen der Welt. Letztes Jahr hat der Besitzer der Pariser Galerie „Itinerrance“ Mehdi Ben Cheikh 100 namhafte Street-Art-Künstler nach Erriadh eingeladen, damit sie sich an den Häuserwänden verewigen. Natürlich mit Einverständnis der Dorfbewohner. Jetzt können vom Tintenfisch über ein surrealistisches Kamel mit Spray-Kopf bis hin zu Kalligrafien die unterschiedlichsten Street-Art-Kunstwerke betrachtet werden. Mehdi Ben Cheikh hat „Djerbahood“, wie sich das Projekt nennt, initiiert, um das Bild eines neuen, jungen, demokratischen Tunesiens zu schaffen. Ein Tunesien, das attraktiv ist für junge, urbane Reisende.

Vor der Revolution waren Aktionen wie diese nicht denkbar. Die Strategie der Regierung war es, Touristen in Hotelkomplexe zu stecken. Auch Ausflüge sollten ausschließlich vom Hotel geplant werden. Der Urlauber hatte nur Kontakt zum Tunesier als Poolboy, zum Tunesier als Kamelführer, zum Tunesier als Händler. Sofiane erzählt euphorisch, dass jetzt endlich die Möglichkeit bestehe, das Land richtig kennenzulernen, fernab der Touristenplätze. Es gäbe so viele Clubs, Bars, Restaurants hier. Er empfiehlt auszugehen, um die Tunesier richtig kennenzulernen. „Das Land sind die Menschen. Wir haben große wirtschaftliche Probleme. Aber ich denke nicht, dass wir Touristen nur des Geldes wegen brauchen. Wir brauchen auch den Dialog mit Menschen aus anderen Ländern. Der kreative Diskurs und die Annäherung sind der Schlüssel zum Erfolg.“

Einer der von Sofiane genannten Clubs ist der „Le Club les Jasmins“. Der Besitzer erzählt, dass hier auch DJs aus der Berliner „Panorama Bar“ auflegen. Das Interieur ist sehr europäisch. Eine Lounge, Terrasse mit Meerblick, die Partygäste tanzen ausgelassen zu „Work“ von Rihanna. Es wird Alkohol ausgeschenkt, ebenfalls zu europäischen Preisen. Nur wenige in Tunesien können sich einen Abend im „Les Jasmins“ leisten. Es prallen zwei Welten aufeinander. Sofiane hat in Paris studiert und gearbeitet, Fethia hat Medizin studiert und Seyf an der ESMOD Modedesign. Im Gegensatz zur Mehrheit der Bevölkerung, die teilweise traditionellere Ansichten haben oder wirtschaftlich am Ende sind, gehören sie zu den Privilegierten, die die Möglichkeit und die Bildung haben, für ein modernes Tunesien zu kämpfen, das Brücken zur westlichen Welt baut.

Momentan leben die Kreativen noch in einer kleinen Blase. Sie unterstützen sich gegenseitig und sehen die Revolution als Chance, um endlich gemeinsam an einer konkurrenzfähigen Identität arbeiten zu können. Mit dem Ziel, dass Tunesien für Individualreisende und Kreative aus aller Welt interessant wird. Es bleibt spannend, wie sich die Auswirkungen der Revolution weiterentwickeln werden. Ob sie sich vom Clubhotel-Image lösen können oder der Traum von einer neuen Identität schneller zerplatzt, als die Pauschaltouristen das Weite gesucht haben.

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