Tunis Fashion Week 5/2018 // Reportage // Refinery29 Germany

Refinery29 Germany //F/ Joanna Legid // Text/ Anna Baur

So formen junge Designer*innen auf der Tunis Fashion Week Tunesiens neue Identität.

Die High-Society Tunesiens nimmt Platz – auf den Stuhlreihen innerhalb der Arena des Amphitheaters von Kathargo. Wo sich vor über 2.000 Jahren vor den Augen des Volkes stählerne Russell Crows die Köpfe eingeschlagen haben, blicken die Zuschauer heute auf einen eigens konstruierten Catwalk und eifern einem weit weniger blutigen Ereignis entgegen: Der zehnten Edition der Tunis Fashion Week. Die Schauen sind hier ausschließlich Abendveranstaltungen, Scheinwerfer beleuchten das geschichtsträchtige Ambiente. Unsere Game of Thrones-infiltrierten Gehirne erwarten feuerspeiende Drachen oder mindestens königliche Roben.

Die ersten Models, die den Laufsteg entlang stolzieren, lassen jedoch die Bilder im Kopf schnell zerplatzen. Kurze moderne Hemdkleider mit der Aufschrift „Strong Women“, eine knallenge rote Schlaghose mit bunten Glitterherzen auf dem Galon-Streifen, bauchfreie Blüschen mit Puffärmeln in Neonpink und im Hintergrund die popkulturelle Hymne des Women Empowerment, Beyonces „Run the World“: Die Kollektion von Fatma Ben Soltane schreit nach sexueller Befreiung ohne den Glamour dabei zu vernachlässigen.
 
Die Tunesierin zeigt ihre Entwürfe unter dem Namen Soltana seit 2015 auf der Fashion Week Tunis. Ihre Mission dabei sei es, dem Slut Shaming mir einer Symbiose aus figurbetonter Kleidung und politischem Manifest entgegenzuwirken.
Fatmas Kollektion ist keine Ausnahme. Knappe 70er Jahre Disco-Kleider bei Amin Hajri, customized Jeans mit tiefen Einblicken bei Blue Twins und nackte Haut bei Designerin Mouna Ben Braham, die, obwohl sie sich an der Brautmode orientiert, Tradition und Moderne vereint. „Unsere Mütter würden meine Entwürfe niemals tragen, aber die jüngere Generation mag es modern und freizügig“, berichtet sie. Trotzdem sei es ihnen wichtig, ihre Tradition in den Kleidungsstücken zu erkennen. Crop Tops mit typisch tunesischen Stickereien wären für die viertägigen Hochzeitszeremonien sehr beliebt.
 
Feministische Slogans und freizügige Kleidung bei einem öffentlichen Ereignis zur Schau gestellt: Wie passt das zu unserem Bild eines arabisch-muslimischen Landes? Funktioniert die Freiheit der tunesischen Frau nur im abgetrennten Raum der Modewelt oder kann sie auch in knappen Glitzer-Shorts durch die Medina schlendern? Selbst Touristinnen wird geraten sich außerhalb der Hotels angemessen zu bedecken. Sade, eines der Catwalk-Models, erklärt uns, dass man in Tunis eigentlich alles anziehen könne, es käme nur darauf an, in welchem Viertel man unterwegs sei. „In den reicheren Vierteln La Marsa, Carthage und Sidi Bou Said sind die Menschen offener und freizügiger. In der Medina, auf dem Souk und in den ländlicheren Gegenden Tunesiens ist es verpönt als Frau knappe Kleidung zu tragen.“ Außerdem müsse man natürlich auch darauf achten, ob gerade Ramadan sei. Während dieser Zeit würden Tunesier*innen empfindlich auf freizügige Kleidung reagieren, fügt die 24-Jährige noch hinzu.
 
Inmitten des Publikums der Tunis Fashion Week fällt uns Rahma positiv auf. Sie trägt ihren Hijab in Kombination mit einem karierten Anzug, den sie selbst geschneidert hat. Die 27-jährige Designstudentin erzählt, dass sie oft „Männerkleidung“ trage und das in Tunis niemanden interessieren würde. „Die Frauen hier sind modern!“
Ihre Aussage stimmt überein mit dem Fakt, dass Frauen in keinem anderen Land im arabischen Sprachraum so viele Rechte haben wie in Tunesien. 2017 wurde ein Gesetz verabschiedet, das Frauen vor häuslicher Gewalt schützen soll. Ein weiteres Gesetz, das Frauen verbietet nicht muslimische Männer zu heiraten, wurde abgeschafft und eine Debatte über die Gleichberechtigung von Frau und Mann im Erbrecht ist eröffnet worden. Außerdem gibt es in keinem anderen arabischen Land so viele Frauen in den Universitäten und auf dem Arbeitsmarkt wie in Tunesien.
 
Mit Frauenrechten und einer Demokratie, die seit dem arabischen Frühling vor sieben Jahren immer noch besteht, beginnen die Tunesier an einem neuen Image zu arbeiten. Seyf Dean, Chefredakteur des tunesischen Modemagazins FFDesigner, fragt: „An was denkt ihr als erstes, wenn ihr an Tunesien denkt? Nervige Händler, Bettenburgen, Kamele?“ Seit der Revolution arbeiten er und andere Kreative in den unterschiedlichsten Bereichen daran, eine neue tunesische Identität zu kreieren und zu vermitteln. Zwischen Moderne und Tradition. Zwischen West und Ost.
 
Das Enfant Terrible der Tunis Fashion Week, Braim Klei, hat kein Interesse daran am neuen Image Tunesiens mitzuwirken. Der 27-jährige Designer ist genervt davon, dass die Fashion Week aufgrund von Stromausfällen, über nicht kommunizierte Änderungen im Schedule, bis zu unpassenden Veranstaltungen von Sponsoren nicht sehr professionell wirke. Außerdem würden die tunesischen Designer*innen Jahr für Jahr die gleichen Kollektionen präsentieren. Sie würden in ihrer Blase bleiben und alles ignorieren, was außerhalb passiere. Braim ist inspiriert von Designern wie Rick Owens und fällt mit seiner minimalistischen Kollektion in schwarz-weiß aus dem Rahmen.
Er möchte raus aus der verstaubten Arena vergangener Herrscher und Gladiatoren. „Ich bekomme hier keine Luft mehr, ich ersticke. Solange ich in Tunesien bleibe, komme ich nicht voran. Ich muss irgendwo anders hin, ganz weit weg“, erzählt Braim aufgebracht. Vielleicht nach Paris, um in die Fußstapfen der tunesischen Designerlegende Azzedine Alaïa zu treten?
 
Bei den jüngeren Gästen der Fashion Week sind ähnliche Meinungen vertreten. Die Jugendarbeitslosigkeit in Tunesien sei sehr hoch und die Teenager des Landes desillusioniert. Die 15-jährige Cyrine sei zwar interessiert an Mode und Design, wisse aber, dass es in Tunis immer schwerer würde seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit BWL hätte man wenigstens noch eine Chance. Mit einem Designstudium sähe sie keine Zukunft für sich. Auch der 18-jährige Houceem ist nicht gut auf seine Chancen im Land zu sprechen. Er will nach Europa, um Schauspieler zu werden. Die 21-jährige Designstudentin Wiem sieht ihre Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt nach dem Studium in Italien oder im Libanon.
 
Es bleibt zu hoffen, dass Tunesien eine Möglichkeit findet, die Jugend zu fördern und Perspektiven aufzuzeigen, denn sie sind es, die die Zukunft des Landes verändern können.
 

 

 
 

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